Erfahrungsbericht: FSJ-Politik im Bundestag

Ein Freiwilliges Soziales Jahr im politischen Leben (FSJ-Politik) bietet dir die Möglichkeit, praktische Erfahrungen zu sammeln, dich persönlich weiterzuentwickeln und gesellschaftlich zu engagieren. Besonders spannend kann ein FSJ im politischen Leben im Deutschen Bundestag in Berlin sein. Dort gibt es bei den internationalen Jugendgemeinschaftsdiensten (ijgd) ungefähr 60 Plätze in unterschiedlichen Einsatzstellen: In Parlamenten (z.B. bei Bundestagsabgeordneten), zivilgesellschaftlichen Organisationen (z.B. bei Germanwatch oder dem Anne Frank Zentrum) und vielen weiteren spannenden Einrichtungen.

Doch wie läuft die Bewerbung ab und was erwartet dich im Alltag? In diesem Artikel bekommst du einen persönlichen Einblick von Vincent, der 18 Monate lang ein FSJ bei mir absolviert hat. Bei Interesse meldest du dich bei einem der Träger, die erwähnt werden, und informierst dich vorab, welches FSJ für dich am besten wäre.

Ich schreibe derzeit in meinem Berliner Bundestagsbüro wieder einen FSJ Platz aus. Hast du Interesse? Hier geht es zur Ausschreibung: nyke-slawik.de/jobs

Schulabschluss und erste Orientierung

„Ich habe 2024 Abitur an der Marienschule Opladen gemacht. Meine Schulzeit war sehr durch Corona und Homeschooling geprägt. Dadurch wurden meine sozialen Kontakte auf ein geringstes minimiert. Wie alle anderen jungen Menschen meiner Generation konnte ich meine Freund*innen nur gelegentlich und unter bestimmten Voraussetzungen sehen. Durch die Corona-Zeit in der Schule sind auch viele Lerninhalte verloren gegangen, was mir später im Abitur auf die Füße gefallen ist.“

FSJ Politik im Bundestag: Infos, Voraussetzungen und Vorbereitung

„Man kann sich bei Interesse direkt an meinen Träger, die Internationalen Jugendgemeinschaftsdienste (ijgd), wenden. Die beraten Interessierte und können auch Berichte von Vorgänger*innen weiterleiten, um einen ersten Eindruck über das FSJ-Politik zu gewinnen. Da kann man auch meinen Bericht lesen, wenn man möchte.

Alternativ geht das auch beim anderen Träger Demokratie und Dialog e.V. (D&D), die ebenfalls Plätze im Bundestag anbieten.“

Nach dem Abi: Entscheidung für den Bundestag

„Meine Schwester hat einen Bundesfreiwilligendienst absolviert und meine andere Schwester ein Freiwilliges Ökologisches Jahr. Ihre Erfahrungen klangen für mich sehr interessant und da ich noch nicht wusste was ich für eine Ausbildung oder für ein Studium machen möchte, wollte ich auch unbedingt ein Jahr ein cooles Projekt machen.“

Eine Person aus der Stufe über mir hat in einer NGO (Nichtregierungsorganisation) ein FSJ-Politik gemacht und dann habe ich recherchiert, wo das überall möglich wäre. Zum Glück habe ich die Stellenausschreibung der Grünen Landtagsfraktion NRW gesehen! Ich habe mich recht schnell beworben, aber wurde bedauerlicherweise abgelehnt – wobei eigentlich nicht.

Ich brauchte einen Plan B und habe mir gedacht, wenn es im Landtag möglich ist, einen Freiwilligendienst zu machen, dann bestimmt auch im Bundestag, oder? Wieso also nicht einfach meine Bundestagsabgeordnete aus dem Wahlkreis fragen, ob ich in ihrem Wahlkreisbüro auch ein FSJ machen kann.

Auf Nachfrage bei Nykes Büro habe ich erfahren, dass ein FSJ zwar möglich wäre, aber nur im Berliner Büro, nicht im Wahlkreis. Das ist nämlich eine Vorschrift des Deutschen Bundestages. Also war das für mich erstmal raus, ich habe abgesagt. Berlin wirkte zu groß, zu fern und vor allem zu teuer. Ich hatte großen Respekt davor, allein in eine Stadt zu ziehen, in der ich niemanden kannte.

Doch der Gedanke an die Möglichkeit, im Bundestag arbeiten zu können, ging mir nicht mehr aus dem Kopf. Tagelang überlegte ich mit meiner Mutter. Wir haben ausgerechnet, ob ich mir das leisten kann, ob ich eine Wohnung finde, etc. Ich kam dann zu dem Entschluss: Ich schaffe das, ich ziehe mit 18 allein (symbolisch) in den Bundestag.

Ich bewarb mich offiziell auf die Stelle und zog das Bewerbungsgespräch in meinem Urlaub in Griechenland durch. Meine Zusage habe ich per Telefon auf einer Geburtstagsparty einer Freundin erhalten.“

Taschengeld, Finanzen und Verantwortung

„Ich habe mir vorher lange ausgerechnet, ob ich mir das FSJ in Berlin überhaupt leisten kann und die Antwort war eigentlich nein. Zumindest nicht ohne elterliche und staatliche Unterstützung. Ich konnte mir das FSJ gerade so (laut Excel Tabelle) leisten, wenn ich von meinen Eltern Unterhalt bekomme und die vollen Zuschüsse von meiner Einsatzstelle bzw. Nyke. Und auch dann nur knapp.

Jeden Monat musste ich schauen, was ich mir überhaupt leisten kann. Meine größte Sorge war die Wohnungssuche, denn die war extrem hart und unfair. Einen FSJler, der 900 Euro im Monat verdient und nicht aus Berlin kommt, möchte anscheinend niemand als Mieter haben. Letztendlich ist alles gut gegangen. Vor allen Dingen, weil ich Wohngeld von der Stadt Berlin erhalten habe. Vorher wusste ich nicht, dass FSJler*innen antragsberechtigt sind.“

Umzug nach Berlin und erster Arbeitstag

„Ich bin ein paar Tage vorher umgezogen, damit ich nicht so einen Stress habe. An meinem ersten Arbeitstag stand ich draußen vor dem Bürogebäude und wartete gemeinsam mit dem damaligen Praktikanten auf Nyke, die auf dem Fahrrad an uns vorbeifuhr und uns übersehen hatte.

Der erste Tag war erstmal ankommen und das Büro bzw. Team kennenlernen. Die ganzen Bundestagsinterna, wie das Intranet etc., erkunden und auch die Liegenschaften. Es war mein erstes Mal im Bundestag und alles war extrem aufregend und spannend. Es hat sich nicht so angefühlt, als wenn ich hier wirklich arbeiten würde.“

Hauptaufgabe Social Media

„In meinem FSJ habe ich allen tollen Menschen im Büro mal über die Schultern schauen dürfen. Geblieben bin ich dann in der Öffentlichkeitsarbeit. Die hat mich am meisten interessiert, weil man auch viel aus den anderen Bereichen zeitgleich miterlebt. Für mich ist das die Schnittstelle von allen Themenbereichen und die Frage wie man die krass sachlichen und hochkomplexen Themen leicht für Social Media herunter brechen kann.

Neben der bürotypischen Mail- und Kalenderpflege, Terminbegleitungen und Ausschusssitzungen bin ich aber auch regelmäßig mit in den Wahlkreis gefahren. Das konnte ich immer mit einem Besuch bei meiner Familie verknüpfen. Aber ich durfte auch Nyke in ganz Deutschland bei Veranstaltungen begleiten, beispielsweise in auf mehrere CSDs. Der Fokus blieb aber natürlich immer auf dem politischen Berlin und der Anwesenheit in Sitzungswochen.

Rundum war mein Aufgabenbereich sehr groß und ich konnte mich auch während des FSJs dazu entscheiden, etwas neues zu lernen oder auszuprobieren.“

FSJ Politik im Bundestag: Mein Fazit

„Insgesamt war es eine ultra krasse Zeit, an die ich mich immer gerne zurückerinnern möchte. Sowohl auf der Arbeit, als auch den FSJ-Seminaren habe ich viele nette Menschen kennengelernt. Besonders die Erfahrung, allein mit 18 in ein Bundesland zu ziehen, dass 600km weit entfernt ist, und dort eine Arbeit zu machen, mit der ich vorher kaum Berührungspunkte hatte, hat mich sehr geprägt.

Die Zeit war immer sehr unterhaltsam, aber einige Ereignisse kamen für mich auch sehr unvorbereitet wie das Ampel-Aus, als die damalige Regierungskoalition zerbrochen ist. Wer kann schon behaupten, so etwas miterlebt zu haben? Schade war, dass ich das FSJ machen wollte, um die parlamentarische Arbeit zu verstehen. Ich wollte herausfinden, was „Die da Oben“ eigentlich machen und wie das Ganze funktioniert. Durch die Regierungskrise ist das eine lange Zeit verloren gegangen, in der der Bundestag nicht wie gewohnt gearbeitet hat. Da ist mein FSJ gerade gestartet und stand schon vor dem Aus.

Wäre Nyke nicht wieder eingezogen, hätte auch mein FSJ geendet, oder ich hätte den MdB oder die Fraktion wechseln müssen. Aber Nyke wurde für eine neue Legislaturperiode gewählt und ich habe mir hart erkämpft, dass ich mein FSJ auf insgesamt 18 Monate verlängern durfte, denn üblich sind 12 Monate.“